NABU Position zur Jagd - eine Analyse

NABU Position zur Jagd

„Ausrichtung der Jagd in Deutschland“

Nabu will Ende der Jagd
als eigenverantwortliches Handeln

Im Dezember hat der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) seine jüngsten Vorstellungen zur „Ausrichtung der Jagd in Deutschland“ vorgelegt. Natürlich Jagd hat das Papier analysiert und die zu erwartenden Konsequenzen für die Jägerschaft herausgearbeitet.

Noch fünf Monate zuvor hatte der Nabu-Landesverband NRW angekündigt, er komme dem Landesjagdverband (LJV) in der Diskussion über ein neues Landesjagdgesetz entgegen. Der Nabu-Landesvorsitzende Josef Tumbrinck hatte sogar betont: „In der Ökologie gibt es viel größere Probleme. Da ist die Jagd nicht entscheidend.“ Wenn dies das vom ihm für vergangenen Herbst angekündigte neue Eckpunktepapier ist, haben nun bundesweit alle Jäger und die Landesjagdverbände (LJV) in den Flächenbundesländern mit Regierungsbeteiligung von Bündnis 90/Die Grünen (Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und wohl auch Hessen) mit gravierenden Auswirkungen zu rechnen. Das Papier verdeutlicht, welche Auseinandersetzungen auf die Jägerschaft zukommen. Schließlich hatte der grüne NRW-Umweltminister Johannes Remmel den LJV bereits wissen lassen, er möge sich mit dem Nabu auf einen Kompromiss verständigen. Das werde dann die gesetzgeberische Leitlinie der Landesregierung.



Jagd soll auf zwölf Wildarten reduziert werden

Von einem konstruktiven Gesprächsangebot sind die nun veröffentlichten Nabu-Vorstellungen weit entfernt. Vorgeschlagen wird eine Dreiteilung. Der Verband reklamiert hier zwar eine Urheberschaft, weil diese Differenzierung „so noch kaum zu finden“ sei. Tatsächlich aber orientieren sie sich eindeutig an den Verhältnissen in den Niederlanden. Diesem Beispiel folgend gibt es:



A. Jagd
Der Nabu-Bundesverband bekennt sich grundsätzlich zur Jagd, die allerdings eher als Ausnahme- denn als Regelfall definiert wird. Die Liste des jagdbaren Wildes soll auf folgende zwölf Arten reduziert werden: Rot-, Dam-, Sika- und Schwarzwild, Gämse, Muffel und Reh, Fuchs, Kaninchen, Hase, Fasan und Stockente. Wobei man Letztere eigentlich auch abstreichen muss. Denn ausdrücklich heißt es bei den Kernforderungen: „Verbot von Schrot bei der Wasservogeljagd“. Der Kugelschuss auf die Ente, die ja dann am oder auf dem Gewässer und nicht in der Luft sein muss, ist weder waid- noch praxisgerecht und effektiv. Auch Kanin und Hase stehen unter einem Vorbehalt: In den Bundesländern, in denen sie in den Roten Listen geführt werden oder in denen der Besatz eine nachhaltige Nutzung nicht zulässt, ist eine ganzjährige Schonzeit vorgesehen.



B. Wildmanagement
Auch hier geht es um die zwölf Arten, die dem Jagdrecht unterliegen sollen. Allerdings zielt das Wildmanagement nicht auf eine nachhaltige Nutzung. Es dient vielmehr ausschließlich der Vermeidung von Schäden außerhalb der regulären Jagdzeiten.



C. Wildtiermanagement
Darunter werden Maßnahmen gefasst, „die zur Schadensabwehr von Arten verursacht werden, die nicht dem Jagdrecht unterliegen“, also alle Arten außer den zwölf als Wild definierten. Gemeint sein dürften unter anderem Tauben, Gänse und Marder. Regelungsrahmen ist das Naturschutzrecht, zu dem schlicht mitgeteilt wird, es sei „nicht Gegenstand dieses Positionspapiers“. Folglich finden sich dazu keine weiteren Angaben. Klar aber ist: Die Niederwildjagd ist damit faktisch am Ende.

Den Wünschen des Nabu folgend würden nur noch die genannten zwölf Arten als Wild gelten. Begründet wird diese Verringerung mit verschiedenen Punkten. Stets ist nicht von Nachhaltigkeit die Rede, sondern von einer „konsumtiven Nutzung“. Das heißt, das Wildbret wird als Lebensmittel verzehrt. Diese Vorgabe erklärt, warum die meisten Raubwildarten außen vor sind. Weshalb aber der Dachs fehlt, erschließt sich damit nicht. Er ist im Bestand nicht gefährdet und sein Fleisch ist nicht nur genießbar, sondern gilt manchem Schmecklecker sogar als Delikatesse.



Tatsachen werden schlicht ausgeblendet
Die Jagd auf Vögel wird ausgeschlossen, indem ohne jeden Beweis eine „Verwechslungsgefahr und Erhöhung der Gefahr von Fehlschüssen“ behauptet wird. Die Jagd auf Zugvögel lehnt der Nabu ab mit der Begründung, es fehlten jährliche Bestandserhebungen und ein rechtsverbindliches staatenübergreifendes Regelwerk zur Verteilung des Abschusses entlang der Zugrouten. Die Tatsache, dass durch Jäger in Deutschland keine Zugvogelart gefährdet ist, wird ebenso schlicht ausgeblendet wie die ausdrückliche Anerkennung der Gänsejagd als legitime Form der Nutzung natürlicher Ressourcen durch internationale Artenschutzabkommen.

Mink, Waschbär und Marderhund werden kurzerhand als invasive Neozoen abgetan. Bei der Behauptung einer „nicht vorhandenen Verwertung“ werden das Gerben der Bälge und deren anschließende Verarbeitung entweder aus Unkenntnis oder wider besseres Wissen ignoriert.



Viele Arten profitieren vom Schutz durch das Jagdrecht
Mit der Behauptung, dass sie „trotz der bestehenden Hegeverpflichtung selten aktiv gefördert werden“, werden dann zahlreiche ganzjährig geschonte Arten dem Jagdrecht entzogen. Das ist nicht nur unbewiesen, sondern nachweislich falsch. Das Jagdrecht ist die einzige Vorkehrung, die ganz konkret Personen in die Pflicht nimmt, nämlich die Inhaber des Jagdrechts, also die Grundeigentümer und die Jagdausübungsberechtigten in den Revieren. Das sieht darüber hinweg, dass das Jagdrecht ein nachgewiesenermaßen erfolgreiches Schutzrecht ist. Die ihm unterliegenden Wildarten sind nicht nur in ihrem Erhaltungszustand nicht durch die Jagd nachteilig beeinträchtigt. Das Gegenteil ist der Fall. Viele Arten profitieren von dem zusätzlichen Schutz durch das Jagdrecht: Die Entwicklung des Auerhahns im Schwarzwald, die Rückkehr des Wanderfalken sowie die Zunahme von Fischotter, Waldschnepfe, Kolkrabe, Luchs und Wildkatze sind Beispiele dafür. Möglich ist sie nur, weil Jäger im Gegensatz zu vielen Hobby-Naturschützern und deren Funktionären als Praktiker bundesweit flächendeckend vor Ort sind. Deshalb können sie zuverlässig Auskunft geben über den Erhaltungszustand einer Wildart.



Niederlande als Negativ-Beispiel
Das Negativ-Beispiel, wie es sonst läuft, haben die Niederlande geliefert. Dort gab es 2005 lediglich 130.000 Gänse als Standvögel, bis 2018 sollen es nach Expertenschätzung 1,3 Millionen sein. Hinzu kommen dann 2,2 Millionen Zugvögel. Inzwischen werden flugunfähige Gänse eingefangen und begast, um der Lage Herr zu werden.

Doch nicht nur der Liste der bejagbaren Arten, sondern auch der danach verbleibenden Jagdpraxis möchte der Nabu ans Leder. Sieht man das Gesamtpaket der Vorstellungen, bedeutet es die Aushöhlung des Jagd- und Jagdausübungsrechts. Zusammengefasst wird das in der Forderung nach einem „Verzicht auf aktive Förderung von Tierpopulationen zu jagdlichen Zwecken“. Damit ist jede entsprechende Biotopverbesserung ausgeschlossen. Man stelle sich vor, so würde mit anderen Arten, etwa Wiesenbrütern umgegangen, deren Lebensraum gezielt verbessert wird. Da stellt sich die Frage, ob eine Art erst massiv reduziert oder im Bestand gefährdet sein muss, bevor sie Unterstützung erhält.



„Böses Wild“ und gute Arten
Selbst einfache Tierschutzregeln, wie das Füttern in Notzeiten, möchte der Nabu für Wild außer Kraft setzen. Das Verhungern versteht er als „natürliche Selektion“, die gesündere Bestände fördere. Es sei ein „biologischer Prozess, der zu hohen Wilddichten vorbeugen kann“. Das geforderte Aus für die Beiz-, Fallen- und Baujagd erscheint nur konsequent, offenbart aber auch, dass die selbsternannten Naturschützer in „böses Wild“ und „gute Tierarten“ unterscheiden und allein der Zweck die Mittel heiligt, wenn er denn ein „naturschutzfachlicher“ ist. Dann nämlich soll „auch auf für die reguläre Jagd unzulässige Methoden zurückgegriffen werden“ können. Schließlich setzt der Nabu heute bereits in von ihm betreuten Gebieten Fallen ein, um Beutegreifer zu reduzieren. Diese Schizophrenie geht so weit, dass ein Abschuss wildernder Hunde und Katzen aus Gründen des Jagdschutzes zwar verboten werden soll. Andererseits aber heißt es: „Auf behördliche Anordnung ist ein Eingreifen jedoch mitunter notwendig“.

Dass erneut einem generellen Verbot bleihaltiger Munition (Schrot und Kugel) das Wort geredet wird, macht die Forderung nicht richtiger. Denn sie ignoriert bestehende berechtigte Zweifel an der tierschutzgerechten Wirkung bleifreier Munition. In Schutzgebieten soll die Jagd nur noch ausgeübt werden, wenn sie „ausschließlich“ dem Schutzzweck dient. Das ist eine Abkehr von dem bislang geltenden Grundsatz, dass überall gejagt werden darf, wenn dies dem Schutzzweck nicht abträglich ist. Auch diese Umkehrung bedeutet die Aushöhlung des Jagdrechts, das per Gesetz dem Grundeigentümer zusteht.

Völlig unverständlich ist die Festlegung der Schon- und Jagdzeiten. Stockenten soll vom 20. August bis zum 10. September nachgestellt werden dürfen, allen anderen elf Wildarten einheitlich ausschließlich vom zum 1. September bis 31. Dezember, jeweils von einer Stunde vor Sonnenaufgang bis eine Stunde nach Sonnenuntergang. Wie bei dem ebenfalls propagierten grundsätzlichen Verbot des Kirrens und der Nachtjagd eine Wildschadensverhütung möglich sein soll, bleibt unbeantwortet. Die Revierpacht würde damit vollends zum unkalkulierbaren wirtschaftlichen Risiko, wenn die Ersatzpflicht beim Pächter bleibt. Doch der finanzielle Aspekt ist der eine, der nicht beachtete Mutterschutz und banale Erkenntnisse der Wildbiologie sind ein anderer Gesichtspunkt. Im September verbietet sich die Jagd auf Fasan und Hase. Die Küken sind – erst recht bei einem Nachgelege – nicht durchgemausert und die Häsinnen bringen im September vielfach noch einen Satz Nachwuchs zur Welt, den sie dann noch etwa 30 Tage säugen.



Verfasser des Papiers scheinen etwas Wichtiges vergessen zu haben
Damit hat der Nabu die Jagd aus seiner Sicht definiert. Ausnahmen gibt es nicht. Soweit für die zwölf Wildarten darüber hinausgehend „eventuell notwendige Maßnahmen“ getroffen werden sollen, betrifft dies das Wildmanagement. Dafür und für das Wildtiermanagement sollen die Naturschutzbehörden zuständig sein. Bei Ausnahmeregelungen im Rahmen des jagdlichen Managements will der Nabu zwingend eine Anhörung der „Naturschutzverbände als Träger öffentliche Belange“ festgeschrieben sehen. Damit maßt er sich etwas an, das weder dem Nabu noch vergleichbaren Vereinigungen zusteht. Die Verfasser des Papiers scheinen nämlich vergessen zu haben, dass zwar die Landesjagdverbände anerkannte Naturschutzverbände sind, kein Umwelt- oder Naturschutzverband aber ein Träger öffentlicher Belange ist. Das hat das Bundesverwaltungsgericht 1997 eindeutig geklärt.

Bei der Wildforschung sieht der Nabu Bedarf. Allerdings müsse diese „unabhängig von den Rechten der Jagdausübungsberechtigten möglich sein“. Natürlich ist Forschung unabhängig von Rechten irgendeiner Gruppierung immer möglich. Die Frage ist nur, wer sie bezahlt. Die krude Formulierung muss deshalb wohl so verstanden werden, dass man Forschungsprojekte den eigenen Zielvorstellungen entsprechend initiiert sehen möchte, selbst wenn sie in den einzelnen Bundesländern etwa über die ausschließlich von Jägern aufgebrachte Jagdabgabe finanziert werden.



Diktat des Naturschutzes ist das Ziel
Und um die Jagd endgültig dem Diktat der Umweltschützer zu unterwerfen, möchten sie auch über die jagdliche Aus- und Weiterbildung befinden. Ein „Sachkundenachweis Wildtiermanagement“ wird gefordert und die Erweiterung des Unterrichtsfaches Wildbiologie um die „Themenfelder Populations- und Verhaltensbiologie sowie um tiefergehende Kenntnisse über die Ökosysteme Wald, Offenland und Binnengewässer“. Die Autoren haben offenbar völlig vergessen, dass im Gegensatz zu den Mitgliedern ihres Verbandes jeder Jäger eine umfassende, klar geregelte Schulung und Prüfung durchlaufen hat. Die Unkenntnis, mit der manche populistische Forderung erhoben wird, entlarvt sich noch einmal vollends, wenn jedem Jagdausübungsberechtigten ins Stammbuch geschrieben werden soll, er müsse jährlich „auf einem behördlich genehmigten Schießstand“ einen Leistungsnachweis erbringen, der nicht nur die Teilnahme, sondern die Treffsicherheit dokumentiert. Analog sind dann wohl künftig die Wiederholungs-Führerscheinprüfungen für Fahrzeughalter auch nur mit TÜV-geprüften und bei der Straßenverkehrsbehörde zugelassenen Fahrzeugen erlaubt. Im Klartext: Jagdausübungsberechtigte sind nur die Revierinhaber, also Revierpächter oder Eigenjagdbesitzer. Was ist mit all den anderen Jägern, die die Mehrheit der Waidmänner und -frauen sind? Und geschossen werden darf überhaupt nur auf „behördlich genehmigten“ Schießständen. Alle anderen Schießstände sind illegal.

Zum Schluss etwas Positives: Der Nabu erteilt der gängigen Praxis von Wildbewirtschaftungsgebieten, auf die der Lebensraum von Hirsch, Muffel und Co. staatlich begrenzt wird, eine klare Absage. Die „heimischen Paarhuferarten“ sollen sich ihren Lebensraum selbst suchen dürfen: „In Gebieten, in denen diese noch nicht dauerhaft vorkommen, sind sie von der Jagd zu schonen, bis sich eine ungefährdete lokale Population gebildet hat.“